Kidepo – Unbekanntes Safariparadies Teil 2

Gaby Indermaur, 10. Juli 2015

Ganz im Norden Ugandas befindet sich der Kidepo Nationalpark. Im Dreiändereck zu Südsudan und Kenia. Dieser ist einer der unberührtesten aller Nationalparks in Afrika. Auf einer Reise durch Uganda lerne ich dieses einzigartige Naturparadies kennen und lieben.

Hier ist der zweite Teil meiner Reportage über den faszinierenden Nationalpark; Kidepo – Unbekanntes Safariparadies.

Kindheitserinnerungen

Frühmorgens klopft es an meine Tür. Aufstehen! Gestern Abend hätte ich sogar einen «Guten Morgen-Kaffee oder -Tee» bestellen können. Ein netter Service. Den frisch aufgebrühten ugandischen Kaffee trinke ich gerne vor der Abfahrt und als erstes kleines Frühstück gönne ich mir einen Muffin. Habe ich mein ganzes Tiersichtungskonto bereits aufgebraucht oder sehe ich auch heute Tiere?

Wieder fährt uns Richard. Mit dabei ist heute auch ein Guide der ugandischen Nationalparkbehörde. Lilo und Wiet wollen ein Stück zu Fuss die Gegend erkunden. Im Morgenlicht leuchten die Steppengräser golden, ein Vogel zieht majestätisch seine Runden. Einfach nur schön, auch wenn die Pisten holprig sind. Wieder sehen wir Büffelherden, Elefanten, Antilopen. Ein bunter türkisfarbener Vogel beobachtet uns von einer Baumkrone herab.

Die Vogelwelt ist so vielfältig wie das bunte Federkleid

Die Vogelwelt ist so vielfältig wie das bunte Federkleid

Hellbraun mit dunklen Punkten war das von meiner Mutter handgestrickte Tier. Und einen langen Hals hatte es. Mein Lieblingstier als ich klein war, war die Giraffe. Und nun wie von Richard bestellt, schreitet eine Giraffengruppe den Hügel herunter. Klar, wir halten an, der Automotor wird abgestellt. Schön, die acht Tiere zu sehen. Wer beobachtet hier wen? Interessiert beäugen wir uns gegenseitig. Ein Tier ist besonders vorwitzig.

Nicht gestrickt, sondern in echt – die Neugier ist gegenseitig

Nicht gestrickt, sondern in echt – die Neugier ist gegenseitig

Vorsichtig nähert es sich uns. Bald sehe ich nur noch Beine. Neugierig beugt sich der lange Hals zu uns. Ganz nah. Aug‘ in Aug‘ bin ich nun mit meinem Kindheitstier in freier Wildbahn. Ein magischer Moment. Langsam zieht die Gruppe weiter, den Hügel hinab, hinaus in die Steppe. Auch «meine» Giraffe geht mit. Noch einmal dreht sie sich um, wie wenn sie sich von mir verabschieden würde. Mein Herz klopft fühlbar.

Lilo und Wiet steigen mit dem Guide aus. Sie gehen zu Fuss weiter. Richard und ich fahren, die Fussgänger werden wir später wieder aufnehmen. Ob der Löwe der letzten Nacht in der Gegend ist? Zu gerne möchte Richard ihn mir zeigen. Und er kennt den Kidepo. Mit dem Feldstecher sucht er die Gegend ab. «Siehst du, dort auf dem gegenüberliegendem Hügel liegt ein Löwenmännchen», deutet er mir. Ein brauner Punkt im grünen Gras. Ob dieser Löwe uns wohl beim Sundowner am Abend zuvor in die Ohren gebrüllt hat?

Per Funk erfahren wir, wohin die Drei gewandert sind. Wir machen uns auf den Weg. Doch wir stoppen. Aufgeregt zeigt Richard zu einem Felsen mit Gebüsch. Ein Gepard! Ich bin sprachlos – diese Tiervielfalt, ich bin restlos begeistert. Und Richard erzählt mir, dass nur ungefähr alle zwei Monate ein Gepard gesichtet wird. Ich bin ein Glückskind!

Aufgeregt erzähle ich dann Lilo und Wiet meine Erlebnisse. «Beweise», fordert Wiet mich mit einem Grinsen auf. Der Löwe und Gepard war weit weg, die Bilder schlecht. Aber als Beweismittel werden sie zugelassen.

Für die Kaffeepause stoppen wir auf einem Hügel mit genialer Rundumsicht. Sogar ein Klohäuschen gibt es hier. «Das ist einer von zwei Campingplätzen», wird uns erklärt. Mehr Infrastruktur gibt es nicht, und genau das würde den Reiz ausmachen, hier sein Zelt aufzuschlagen. Einfach zu Sein, zu geniessen. «Die Parkverwaltung vermietet auch einfache Hütten». Für jedes Reisebudget findet sich ein Unterkunftsangebot.

Bei den Karamojong

Ich mache Siesta auf meiner Terrasse, geniesse das Nichts-Tun-Müssen. Hufgetrampel nähert sich im Galopp, leises Schnauben. Zebras! Sie zupfen das saftige Gras, ein Jungtier ist in der Gruppe. Der «Jö-Effekt» ist gross. Handyempfang gibt es sogar in dieser abgelegenen Ecke Ugandas. Und so tippe ich eine Nachricht an eine Afrika-Reisekollegin. Sie ist ein absoluter Fan von Zebras: «Zebras grasen etwa 10-15 Meter von mir entfernt, du wärst hier glücklich!»

Streifen im Grün

Streifen im Grün

Nachmittags fahren Wiet, die Familie und ich aus dem Park. Wir wollen zu einem Dorf der Karamojong. Die Karamajong sind Verwandte der Turkana und Maasai, welche im angrenzenden Kenia leben. Noch bis vor einigen Jahren haben sie sich gegenseitig das Vieh, ihren wertvollsten Besitz, gestohlen. Seit einigen Jahren gelingt es den Regierungen, diese Konflikte minimal zu halten und stark einzudämmen.

Ein Dorf der Karamojong kann besucht werden

Ein Dorf der Karamojong kann besucht werden

Viele der Lodge-Angestellten stammen aus diesem Dorf. Damit profitiert auch die lokale Bevölkerung vom Tourismus. Und noch bevor wir das Dorf betreten, zeigt uns Dennis unser Fahrer, eine Krankenstation. Mit-Finanziert von der Lodge. Die Einnahmen aus den Touristenbesuchen im Dorf gehen in eine Gemeinschaftskasse.

Uns werden Hütten gezeigt, Anbaumethoden und Lagerung von Getreide erklärt. Auch eine Audienz beim lokalen Chef bekommen wir. Seine Hand und seine Gesicht sind faltig, gezeichnet vom harten Leben. Eine Gruppe singt und tanzt für uns. Sie springen sehr hoch, zeigen damit ihre Stärke. Alle tanzen begeistert mit, nur ich nicht. Bin zwiegespalten. Irritiert werde ich von der Dorfbevölkerung gemustert.

Ich schaffe es nicht, über meinen Schatten zu springen. Und nur dem Dorf zuliebe mitzutanzen, möchte ich nicht. Das würden sie sowieso gleich merken. Ich weiss, dass sie vom Tourismus profitieren, Einnahmen auch aus dem Verkauf von selbstgefertigtem Schmuck generieren. Doch auf meinen Reisen durch Afrika durfte ich schon zu Gast bei «nicht-touristischen» Tänzen und Ritualen sein. Das waren so intensive Erlebnisse, dass bei mir hier in diesem Dorf «nichts anspringt». Die Karamajong können nichts dafür, das ist einzig und allein mein Empfinden.

Wir sind spät auf dem Heimweg, fahren in die Nacht hinein. Ein Bachbett muss durchquert werden. Doch Dennis hält schon ein paar Meter vorher an. «Elefant», sagt er nur. Wo denn? Ich sehe nur schwarz. Doch seine Augen sind es gewohnt, auch im Dunkeln Tiere auszumachen. Und allmählich kann ich die Silhouette eines Elefanten auf der Piste im Schwarz erkennen. Ohne Eile geht er weiter. Ich helfe Dennis und leuchte zusätzlich mit dem Handscheinwerfer in die Büsche und auf die Piste. Der Weg ist frei, wir können fahren.

Zurück bei der Lodge denke ich: Jetzt übertreibst du aber. Ich, die meist sehr einfach reist; erst wollte ich ja nicht. Überreden ging trotzdem schnell. «Das ist kein Problem, wir haben genügend Wasser», erklärte mir Oscar, der Lodgemanager. «Also gut, du kannst mir bitte eines richten», hatte ich Nachmittags entgegnet. Zurück in meinem Bungalow öffne ich gespannt die zweite Aussentür.

Wow, denke ich. Laternen brennen, Tücher sind arrangiert, Schaum glitzert im fahlen Lampenlicht. Und bevor ich mich wohlig in meine private Aussenbadewanne gleiten lasse prüfe ich mit meinem Fuss, ob sich schon irgendein Tier auch frisch machen will. Denn als Nachtorchester spielt das Froschquintett. Kurz fährt mir der Gedanke durch den Kopf, dass gestern Abend eine Hyäne bei mir zu Besuch war. Da auch dieser private Badeberich wie alles in der Lodge nicht umzäunt ist, könnte doch irgendein Tier vor meiner Wanne auftauchen? Was soll‘s, genussvoll schliesse ich meine Augen. Lautes Elefantentrompeten schreckt mich auf. Also so weit weg ist er nicht, denke ich. Das trompeten hört sich wiederholt wütend an. Das Abendessen wartet und so beschliesse ich, dass ich dazu sauber genug bin.

Persönliches Luxus-Bad mit Froschquartett

Persönliches Luxus-Bad mit Froschquartett

Abschied vom Safariparadies

Am Morgen gehe ich auf die letzte Pirschfahrt. Heute sitze ich mit Martina und ihrer Familie im Safarifahrzeug. Kühler Morgenwind erfrischt mich, weckt die Lebensgeister. Einfach schön, nochmals die Natur zu geniessen. «Kannst du für uns Giraffen finden?» Wir und die Kinder lieben sie», fragt Martina. Wunschkonzert: «Und dann bitte einen Leoparden für mich», melde ich auch mein Wunschtier bei Dennis an. Auch er kennt den Kidepo sehr gut: «Ich habe eine Idee, wo Giraffen sein könnten. Aber versprechen kann ich nichts.» Unterwegs sehen wir wieder Zebras, Antilopen, Affen und Vögel von klein bis gross. Wir fahren in ein anderes Gebiet als die Tage davor. Die Pisten sind vom vergangenen Regen noch nass. Mit dem Fernglas sucht er die Gegend ab.

Farbakzente in der herrlichen Landschaft

Farbakzente in der herrlichen Landschaft

«Dort hinten, seht ihr die Giraffen?» Noch sind sie nur schwer zu erkennen. Und so kommt es, dass wir unsere Kaffeepause in der Nähe von einem Dutzend Giraffen einlegen. Es ist friedlich und ruhig. «Dennis, Danke!», freut sich Martina. In der Nähe des Flusses wird der Boden immer tiefer. Schlamm spritzt auf der Weiterfahrt am Fahrzeug hoch.

«Wie waren eure Erfahrungen, als Familie mit Kindern für ein Jahr in Uganda zu arbeiten? Wie ist die Internationale Schule?», will ich von Martina wissen. «Wir haben viele positive Erfahrungen gemacht, die Schule ist gut», erzählt sie mir. Und auf meine Frage, ob sie sich vorstellen könnten wieder einmal als Familie einen Auslandeinsatz zu machen antwortet sie: «Ja. Und wir sind dann gespannt, wohin wir von der UNO entsandt werden».

Irgendwann sind wir bei mehreren hohen, länglichen, bewachsenen Felsen. «Manchmal finden wir hier Löwen», erklärt Dennis. Ein paarmal halten wir an, suchen die Büsche ab. Und tatsächlich – neugierig beäugt uns aus sicherer Distanz ein Löwenmännchen. Halbverdeckt vom Gebüsch, liegt er faul auf dem Felsen. Unser Glück hält an! Ungefähr 20 Meter weiter liegt ein zweiter schlafender Artgenosse. Meine Begeisterung für den Kidepo ist gross!

Gut getarnt und alles im Blick

Gut getarnt und alles im Blick

Nach über vier Stunden sind wir zurück bei der Lodge. Mein Flug nach Entebbe geht in einer Stunde. Schnell eine Dusche und Packen. Schade, dass ich so schnell Abschied nehmen muss. Oder ist es doch gut, dass ich kaum Zeit habe, Wehmut zu empfinden? Der Abschied vom Team ist herzlich. «Besuch uns doch einmal wieder», werde ich von Oscar aufgefordert. «Ja, es kann gut sein, dass ich wieder einmal komme. Hier ist es traumhaft, ein Safariparadies!», schwärme ich.

Eine letzte kurze Fahrt zum Flugfeld. Der Himmel weint zu meinem Abschied. Nur noch drei Treppenstufen trennen mich vom Flugzeugsitz. In der hintersten Reihe nehme ich Platz. Gleich bei der Tür. Noch den letzten Duft von feuchter, afrikanischer Erde einatmen. Meine Nase klebt am Fenster. «Kidepo, du bist genial», murmle ich leise. Meine Sicht ist getrübt. Nicht nur vom regennassen Fenster…

Weitere Informationen und Reisetipps:

» Erfahren Sie weitere Tipps im 1. Teil von diesem Blogbeitrag

Gastautor: Gaby IndermaurGastautorin, Fotografin und leidenschaftliche Reisende

Diesen Artikel kommentieren

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Alle Felder mit * müssen zwingend ausgefüllt werden.