Von Schneegeistern, Baumlöchern und Millionären

Von Schneegeistern, Baumlöchern und Millionären

Kurt Eberhard, 4. Juli 2017

Der Titel ergibt für Nichteingeweihte keinen Sinn. Heliskifahren – und damit ist nachfolgend immer auch Heliboarding gemeint – hat aber auch wenig mit Verstand und viel mit Emotionen zu tun.

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Worauf wartest du noch?

Den Zugang zu den Bergen und zum Schnee hatte ich schon in der Kindheit. Ich stand in den Wintermonaten jede freie Minute auf den Skiern. Im Teenager-Alter kamen dann Skirennen dazu, und später unternahm ich mit Freunden regelmässig Skitouren. Ich wusste also schon früh, was es heisst, seine Spuren in unberührte Pulverschneehänge zu ziehen. Als ich Anfang der Nullerjahre in Kanada zum ersten Mal zwei Heliski-Schnuppertage absolvierte, war das allerdings das wortwörtliche «Erfahren» einer zusätzlichen Dimension, schon fast wie im Film «The Matrix». Es war der Auslöser für eine Leidenschaft, die mich seit bald 20 Jahren nicht mehr loslässt.

Heliskifahren ist mit vielen Klischees behaftet. Einige treffen zu und viele nicht. Vier dieser Klischees versuche ich nachfolgend zu relativieren:

Klischee Nr. 1
Klischee Nr. 2
Klischee Nr. 3 
Klischee Nr. 4

Klischee Nr. 1: Heliskifahren ist teuer!
Heliskifahren ist kein billiger Sport. Man kann bei gewissen Anbietern auch nur einzelne Tage buchen und herausfinden, ob dies überhaupt gefällt, aber so richtig Spass macht es natürlich erst, wenn man es mehrere Tage ausprobiert hat. Je nach Ort, Jahreszeit und den herrschenden Bedingungen muss man für eine Heliskiwoche zwischen siebentausend und zehntausend Franken inklusive Anreise aus der Schweiz rechnen. Wenn es viel billiger ist, würde ich mir Sorgen über die Qualität machen, und hier vor allem die Sicherheit hinterfragen. Teurer geht natürlich immer. Es werden auch All inclusive-Arrangements mit unlimitierten Höhenmetern angeboten, die dann deutlich über CHF 20’000.- pro Woche kosten. Zum Millionär wird man bei gewissen Heliskianbietern in Kanada, wenn man eine Million Höhenfuss (rund dreihunderttausend Höhenmeter) akkumuliert hat. Als Anerkennung erhält man z.B. einen exklusiven Skianzug – das hat wiederum auch eine Stange Geld gekostet. So geht das eine Konto rauf, das andere runter… Fazit: Es gibt zwar viele Millionäre, die sich dieses Vergnügen gönnen, aber auch ein tieferer Kontostand reicht definitiv, um sich das wenigstens einmal im Leben leisten zu können.

Links, rechts, links…

Links, rechts, links…

Klischee Nr. 2: Heliskifahren ist nur etwas für Profis!
Selbstverständlich setzt dieser Sport ein gewisses Niveau an skifahrerischem Können voraus und Anfänger wären schlecht beraten, sich in ein solches Abenteuer zu stürzen. Wichtig ist die Erkenntnis, dass Skifahren im Gelände wenig mit Skifahren auf präparierten Pisten zu tun hat. Eine solide Technik, genügend Kraft und Durchhaltevermögen sind Grundvoraussetzungen. Auf dem Gletscher durch den Pulverschnee zu kreuzen, lernt man als Neueinsteiger schnell. Das Durchhaltevermögen braucht man für die langen Stunden draussen im Schnee bei z.T. auch widerlichen Bedingungen und das mehrere Tage hintereinander. Die Technik und Kraft wiederum hilft bei schwierigen Schneeverhältnissen und vor allem bei Abfahrten im Wald, da man den Schwung nicht dort ansetzen kann, wo man möchte, sondern dort, wo man muss, um den Bäumen auszuweichen. Fazit: Mit einer soliden Grundtechnik und einer gezielten Vorbereitung bezüglich Fitness darf man das Abenteuer wagen.

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Snow Ghosts harren den Elementen

Klischee Nr. 3: Heliskifahren in freiem Gelände ist gefährlich!
Richtig, aber das gilt auch fürs Velofahren oder Überqueren der Strasse. Eine absolute Sicherheit gibt es ja bekanntlich nirgends und somit auch nicht beim Heliskifahren. Die professionellen Heliskifirmen, z.B. in Kanada, betreiben einen beträchtlichen Aufwand, um das Risiko zu minimieren. Dies wird unter anderem mit ausgeklügelten Datenanalysen der Schneedecke, der vorsorglichen Sprengung von gefährlichen Hängen und Schneeüberhängen sowie der Selektion und regelmässigen Ausbildung der für die Gruppen verantwortlichen Bergführer erreicht. Für die Helikopter gibt es sehr strengen Wartungsauflagen und die Piloten sind ausserdem sehr erfahren. Die Teilnehmer werden vor Ort geschult, mit Funkgeräten und für den Fall einer Verschüttung in einer Lawine mit  Suchgerät, Schaufel und Sondierstange ausgerüstet. Auf die «Treeholes», ein für die meisten Neueinsteiger unbekanntes Risiko, lohnt es sich kurz einzugehen: Durchschnittlich fallen in den klassischen Heliskigebieten über zehn Meter Schnee pro Saison. Unter den weitausladenden Ästen der Bäume bleibt der Stamm weitgehend frei von Schnee und dadurch entstehen um den Stamm herum z.T. bis zu sechs Meter tiefe, sogenannte «Treeholes» oder Baumlöcher, welche gemeinerweise meist durch Schneeverwehungen verdeckt eine trügerische Sicherheit suggerieren. Kopfvorüber in ein solches Loch zu fallen, kann einen in eine ungemütliche, wenn auch nicht lebensgefährliche Lage bringen. Fazit: Die Gefahren sind so wie sie sind. Ich fahre seit bald zwanzig Jahren Heliski und befand mich bis dato noch nie in einer ernsthaft gefährlichen Situation. Ausserdem kann man mit seinem eigenen Verhalten viel zur Sicherheit beitragen.

Klischee Nr. 4: Der beste Pulverschnee liegt in Kanada, weil es extrem kalt ist!
Es gibt durchaus auch andere lohnende Destinationen, wie Island, der Osten Russlands oder «exotischere» Regionen wie der Norden Indiens, Georgien, Usbekistan oder Patagonien. In Kanada liegt tatsächlich oft viel und guter Pulverschnee. Dies hat einerseits mit der grossen Niederschlagsmenge und anderseits mit der nördlichen Lage zu tun. Die Temperaturen können im Extremfall auch mal unter minus dreissig Grad fallen. Das will aber nicht heissen, dass man garantiert auf den legendären, feinstaubigen «Champagne Powder» zählen kann. Auch in Kanada gibt es Wärmeinbrüche, die dann den Schnee schwerer machen. In meiner langjährigen Heliskierfahrung bin ich aber auch bei weniger guten Bedingungen immer genügend zum Skifahren gekommen. Es ist ja nicht nur der Schnee, der dieses einmalige Erlebnis ausmacht. Es sind auch die unglaublichen Landschaften, die einen nicht mehr loslassen. Apropos Landschaften: Ein Bild, das man regelmässig antrifft, sind die «Snow ghosts» oder Schneegeister. Von Wind und Wetter bizarr verformte Bäume, die mit ihrer unglaublichen Widerstandskraft den Elementen harren. Fazit: Die Bedingungen in Kanada sind für das Heliskifahren ideal. Travelhouse bietet im Katalog «Winterträume» diverse Möglichkeiten zum Heliskifahren in Kanada an. Dass es dauerhaft extrem kalt wird, ist eher die Ausnahme als die Regel. Heliskifahren kann man aber auch in anderen Ländern.

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Ohne Worte!

Hätte ich das in den letzten Jahren ausgegebene Geld nicht besser in eine Ferienwohnung investiert oder auf dem Konto belassen?
Persönlich habe ich das Gefühl, ein gutes «Investment» getätigt zu haben. Zutiefst emotionale Erlebnisse sind sozusagen die «Rendite» und der Grund, warum ich seit so vielen Jahren nicht vom Heliskifahren lasse. Es ist die Leidenschaft für die Berge im Generellen und fürs Skifahren im Speziellen. Es sind die Spuren, die ich in die unberührten Pulverhänge ziehen darf. Es ist das Geräusch des Helikopters beim Anflug. Es ist die erste Landung auf einem Gipfel in den morgendlichen Sonnenstrahlen. Es sind die Adrenalinschübe während der Abfahrt im hüfttiefen Pulver durch einen steilen Wald. Es sind die gewonnenen Freundschaften. Deshalb ist auch der nächste Trip schon gebucht!

Kurt Eberhard
Kurt EberhardCEO Hotelplan Suisse

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